Attraktive Websites zugänglich gestalten
So lautet der Untertitel eines Buches zum Thema "Barrierefreies Webdesign" von Angie Radtke und Dr. Michael Charlier, welches ab sofort bei
Amazon erhältlich ist.
Wie der
Einführung zum Buch zu entnehmen ist, ist es durchaus im Sinne der Autoren, den Untertitel zur eigentlichen Headline zu machen.
Zum Buch
Es geht um den Relaunch der Webseite von Bad Seendorf, ein ebenso erfundener Ort wie Hommingberg, aus dem die Gepardenforelle kommt.
Der Einstieg in das keineswegs simple Thema möglichst zugänglicher Webseiten wird den Leserinnen und Lesern denkbar einfach gemacht: Das interessierte Publikum wird nicht durch ein Bombardement mit Fachausdrücken und Zitaten von Richtlinien oder Gesetzen schon vor dem eigentlichen Start kopfscheu gemacht, sondern in durchaus gut verständlicher Sprache an das Thema herangeführt. Damit wird gleich zu Beginn ein starker Bezug zur Praxis hergestellt.
Es wäre aber verfehlt, sich von der leicht lesbaren Lektüre irreführen zu lassen, denn wenn es richtig zur Sache geht, zeigt sich, dass das Autoren-Duo auch sehr komplexe Sachverhalte "im selben Tonfall" behandelt und einen hohen Aufmerksamkeitsgrad der Leserschaft fordert. Aber selbst in diesen Phasen, wo ein Thema rasch theoretisch zu werden droht, sorgt der tatsächlich bestehende Webauftritt in der Variante vor und nach dem Relaunch für den nötigen Bezug zur Praxis. Diese "Bodenhaftung" verringert vermutlich die Gefahr, sich in technischen Einzelheiten und spitzfindigen Varianten zu verlieren.
Hinsichtlich der Absicht des Buches ist in der Einleitung folgendes zu lesen: "Mit diesem Buch möchten wir einen verständlichen Leitfaden anbieten, der es Webdesignern und -entwicklern anhand von Praxisbeispielen erleichtert, die Wünsche ihrer Auftraggeber und die Grundsätze der Zugänglichkeit miteinander zu vereinbaren."
Das Autoren-Duo
So interessant wie der Aufbau des Buches selbst ist auch das Autoren-Team Radtke/Charlier - ein Duo, das sowohl hinsichtlich des beruflichen Hintergrunds als auch der Persönlichkeit her unterschiedlicher nicht sein könnte.
Der Vorteil einer solchen Zusammenarbeit liegt klar auf der Hand: Man lernt andere Sichtweisen kennen und ergänzt einander hervorragend.
Schließlich baut ja das gesamte Fachgebiet der Accessibility darauf auf, möglichst unterschiedliche Bedürfnisse und Sichtweisen kennen und verstehen zu lernen und bei der Gestaltung zugänglicher Webseiten mit einzubeziehen.
Angie Radtke: "Uns war klar, dass wir keine theoretische Abhandlung schreiben wollten und so entstand die Idee mit dem schlechten und guten Beispiel." Diese pragmatische Herangehensweise verwundert nicht weiter, denn die
Alleinunternehmerin sieht sich bei jedem Auftrag mit der Notwendigkeit konfrontiert, alle Bereiche vom Design-Entwurf über Strukturierung des Projekts, Codierung und Formatierung, oft bis hin zum Einfügen der Inhalte selbst abdecken zu müssen.
Aber sie schreibt nicht gerne, wie sie eingesteht. Da lag natürlich die Frage nahe, wie es zu diesem Buch überhaupt kam. "Für mich stand fest, dass ich ein solches Projekt nicht allein durchziehen wollte und als Partner kam nur einer für mich in Frage: nämlich Michael Charlier", gesteht sie freimütig ein.
Dr. Michael Charlier: "Wir haben einen betont praxisorientierten Ansatz gewählt:
Wir wollen nicht die
BITV als ´heiligen Text´ auslegen, und
wir wollen sie auch nicht kritisieren - zumindest nicht mehr
als nötig", unterstreicht der
Co-Autor den pragmatischen Ansatz bei der Behandlung des Themas und präzisiert: "Wir wollen Webarbeitern, die mit der
Anforderung ´barrierefrei´ konfrontiert werden, Hilfen an
die Hand geben, damit sie dieser Anforderung zumindest ein Stück weit
entgegen kommen können."
Wie aber lässt sich die Attraktivität einer Webseite mit Barrierefreiheit vereinbaren? Nach dem Aussehen mancher so genannter barrierefreier Seiten zu urteilen, scheint das Eine das andere ja geradezu auszuschließen.
Dazu der Experte: "Eine der ersten Anforderungen, die in der wirklichen Welt gestellt werden, lautet: ´die Seite soll attraktiv aussehen´. Unter ´attraktiv´ versteht zwar jeder was anderes - aber die wenigsten Leute betrachten die Art von Design, die auf 95 Prozent aller Seiten zur Barrierefreiheit vorgeführt wird, als attraktiv. Also haben wir das ´marktgängige´ Aussehen ganz nach vorne gestellt, wobei wir gleichzeitig die Meinung vertreten, dass ´marktgängiges Aussehen´ per se keinen Widerspruch zur Barrierefreiheit bedeuten muß und in der Regel auch keine Abstriche an der Barrierefreiheit erfordert."
Zu der Frage, ob denn auch nicht behinderte Menschen von barrierefreien Seiten eine Nutzen hätten, äußert sich der Gewinner einer
Goldenen BIENE, wie sonst auch, in bekannter Souveränität: "Erst die Analyse einer Seite auf Barrierefreiheit (eine Usability-Analyse hilft
natürlich auch) macht oft deutlich, dass das
Bedienungskonzept einer Seite Mängel aufweist oder dass die
Informationsarchitektur nicht stimmt. Für blinde Menschen kann
eine mangelhafte Informationsarchitektur sogar ein komplettes
Zugangshindernis bedeuten. Jede Verbesserung in diesem
Bereich kommt daher auch nicht behinderten Menschen zugute. Eine allgemein verbesserte Usability ist sogar eine Voraussetzung für Barrierefreiheit.
Auf nach Bad Seendorf!
Wer kennt die vielfältigen Zweifel an der Vereinbarkeit von gutem Design und Zugänglichkeit nicht? Auffällig ist allerdings, dass diese Zweifel sich vor allem bei jenen mit besonderer Hartnäckigkeit halten, die es noch gar nicht probiert haben, während jene, die den Sprung ins kalte "Accessibility-Gewässer" schon gewagt haben, über eine Reihe "angenehmer Nebenwirkungen" berichten können.
Vielleicht hilft ja dieses Buch, einmal eine etwas andere Herangehensweise an das gefürchtete Thema zu finden.
Auf
Bad Seendorf kann man sehen, wie man die Sache anpacken könnte. Das Buch liefert jedenfalls ausreichende Informationen, wie der Relaunch vor sich gegangen ist.
Autor: Eva Papst
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